von Dr. Melanie Burgemeister
Es gibt viele Argumente, warum wir Fasern nicht direkt aus der Hand spinnen sollten. Ein besonders schöner Grund sind die zahlreichen wundervollen Geräte, die nur auf ihren Einsatz warten. Nach den Anleitungen für große Standrocken werfen wir heute einen Blick auf ihre kleineren Geschwister.

Unterschiede zwischen den Geräten
Standrocken eigenen sich gleichermaßen für das Spinnen mit Spinnrädern und Handspindeln. Anders sieht es bei den Gürtelrocken, Handrocken und Fingerkunkeln aus. Sie sind für Spinnräder eher weniger geeignet und werden vorwiegend mit Handspindeln genutzt.
Historisch entwickelten sich die kleineren Geräte zuerst: Die ältesten Belege für Vorbereitungen von Fasern zum Spinnen finden wir in Ägypten, wo vor allem Leinen zu dünnem Vorgarn ausgezogen und zu Knäueln aufgewickelt wurde. Im antiken Griechenland verarbeitete man diese Knäule, die oft auch aus Wolle waren, nicht mehr aus Schalen wie bei den Ägyptern, sondern auf kurzen Stäben aus Holz, Metall oder Knochen: Die Fingerkunkeln.
Diese Arbeitsweise wurde von den Römern weitergeführt und erst im frühen Mittelalter von Handrocken abgelöst, die aus Holz gefertigt wurden. Diese etwas größeren Stäbe hielten die Spinnerinnen nicht mehr mit den Fingern, sondern in der ganzen Hand. Von hier aus ging es dann immer weiter in die Länge: Ab dem Hochmittelalter finden wir Gürtel- und Standrocken, die aber etwas anders funktionieren und andere Ausziehtechniken erfordern. Sie hielten sich bis ins 20. Jahrhundert.
Begrifflich ist Kunkel eine ältere Bezeichnung für Rocken und geht auf das althochdeutsche Wort „cuncla“ zurück. Man könnte also genauso von Fingerrocken oder Handkunkel sprechen, da die Begriffe austauschbar sind. Zur leichteren Unterscheidung bleibe ich aber bei der heute üblichen Aufteilung in Handrocken und Fingerkunkel.
Optisch lassen sich die beiden Geräte vor allem durch ihre Größe leicht unterscheiden: Handrocken sind immer etwas länger und haben manchmal einen speziell abgeteilten Griff. Fingerkunkeln sind dagegen kürzer und dünner. Sie besitzen am unteren Ende einen Ring oder eine Schlaufe für einen Finger. Zudem sind Kunkeln meist aufwändiger verziert als Rocken. Historische Funde und Rekonstruktionen bieten hier zauberhafte Vorbilder mit kleinen Figuren und Mustern.
Römische Knochenkunkeln von www.ars-asta.de

Römische Bronzekunkel von www.orniello.com

Handrocken aus Oseberg (um 830 n. Chr.) - moderne Rekonstruktion

moderne Fingerkunkeln
Das Aufbinden oder Befüllen
Um mit den Hilfsgeräten arbeiten zu können, ist es wichtig, die Fasern auf eine gut abspinnbare Weise zu befestigen. Historisch wurde hier, soweit wir wissen, nur mit Vorgarn gearbeitet: Ein Kammzug wurde dünn ausgezogen und wie ein Knäuel um Kunkel oder Rocken gewickelt. Natürlich kann man heute auch Kardenbänder zu Vorgarn ziehen, in der Vergangenheit kam das Kardieren aber erst um 1350 auf, als schon längst die größeren Gürtel- und Standrocken üblich waren. Außerdem können wir heute im modernen Spinnen weitere Techniken nutzen und die Fasern in anderer Form befestigen.
Die einfachste Variante ist das Festbinden eines kleinen Batts (z.B. 1–2 Portionen von Handkarden). Diese werden flach ausgelegt und um Kunkel oder Rocken gewickelt. Mit einem Band festbinden und schon kann es losgehen.
Alternativ könnt ihr die historische Variante nutzen: Einen Kammzug oder ein Kardenband möglichst dünn vorziehen und als Knäuel um den Stab wickeln. Ein Festbinden ist hier nicht nötig, denn die haltende Hand wird später beim Abwickeln helfen.
Eine weitere Technik ist, die Faserstränge zunächst in kleine Stücke zu teilen, die etwa der Länge des Stabes entsprechen. Das ist vor allem bei Handrocken und größeren Kunkeln sinnvoll. Diese Stränge sollten gut aufgelockert und am unteren Ende etwas aufgefächert werden. Dann können sie wie der Stoff bei einem Regenschirm um den Stab gelegt werden. Das ähnelt der Technik des Aufbindens von Leinen, die wir uns in der vorletzten Ausgabe bei Standrocken genauer angesehen haben.

Aufbinden eines Batts

Aufbinden als Vorgarn



Aufbinden von aufgefächerten Abschnitten (drei Bilder)
Die Auswahl der Fasern
Grundsätzlich können mit Handrocken und Fingerkunkel alle Faserarten versponnen werden. Allerdings sind ein paar Überlegungen vor dem Aufbinden wichtig: Wenn ihr langfaseriges Leinen oder reine Seide verspinnt, ist nur die Vorgarntechnik sinnvoll, da sich sonst die langen Fasern verheddern. Bei sehr kurzen Fasern ist dagegen vor allem das Ziehen eines Vorgarns schwierig, denn die Stränge zerfallen leicht. Hier könnt ihr testen, ob Batts eine Lösung sind. Speziell Baumwolle würde ich dagegen eher als Punis ohne Hilfsgerät verarbeiten. Bei Wolle oder gemischten Kammzügen mit nur einem Anteil langer oder kurzer Fasern seid ihr frei in der Wahl der Befestigung.
Spinnen mit Hilfsgeräten
Fingerkunkeln und Handrocken sind mit jeder Art von Handspindel kombinierbar. Historisch benutzten Spinner:innen Wechselwirtelspindeln mit einem Gewicht im unteren Drittel. Ihr könnt aber ebenso moderne Kopf- und Fußspindeln benutzen. Ich persönlich habe die etwas ausgefallene Kombination mit unterstützten Spindeln (Supported) für mich entdeckt.
Auch die Spinntechnik ist hier in verschiedenen Varianten möglich: Ihr könnt historisch am kurzen Faden bzw. mit gehaltener Spindel arbeiten oder sie als Fallspindel vor euch hängen lassen wie im modernen Spinnen.
Die Auszugsart wählt ihr nach euren Bedürfnissen, sie hängt eher von eurer Spindelhand als dem Hilfsgerät ab: Lasst ihr die Hand an der Spindel, wie es historisch oder bei unterstützten Spindeln üblich ist, könnt ihr nur im langen Auszug arbeiten. Denn sobald ihr an der Faserhand loslasst, um erneut auszuziehen oder Vorgarn abzuwickeln, wandert der Drall bis in die Fasern.
Bei Fallspindeln sieht es dagegen anders aus: Hier ist eure Spindelhand ja nur kurz mit dem Starten der Spindel beschäftigt und kann beim Ausziehen helfen, so dass ihr im kurzen Auszug spinnen könnt.
Betrachten wir aber das Ausziehen nochmal etwas genauer. Dabei kommt es darauf an, wie ihr sie aufgebunden habt: Bei einem Batt oder aufgefächerten Fasern könnt ihr am unteren Ende greifen und sie von dort herausziehen. Es ist im Spinnprozess egal, ob ihr mit den Fingern zieht, oder den ganzen Stab als Gegengewicht zu eurer Spindelhand nutzt. Nach einer Weile solltet ihr den Rocken bzw. die Kunkel etwas drehen oder mit den Fingern zur Seite arbeiten, um die Fasern gleichmäßig abzuspinnen.
Je nachdem, wie oft ihr das Band zum Befestigen um den Faservorrat gewickelt habt, kann es sein, dass nach einer Weile das Ausziehen schwierig wird. Dann ist es Zeit, die Befestigung zu lösen und nur im oberen Bereich zu anzubinden. Es sollte immer etwa eine Faserlänge am unteren Rand frei sein. Bei langen Fasern könnt ihr alternativ nur oben fest und unten sehr locker wickeln. Probiert hier am besten verschiedene Varianten aus.
Ausziehen mit den Fingern

Ausziehen mit Rocken als Gegengewicht
Habt ihr die Fasern als Vorgarn aufgewickelt, sollten Daumen und Zeigefinger den Anfang des Vorgarns festhalten. Wenn ihr mehr Kontrolle möchtet, könnt ihr es zunächst unter eurem Mittel- oder Ringfinger hindurchführen. Bei glatten Stäben kann das Knäuel sich frei drehen und es kommt immer neues Material zu den Fingern, wenn ihr locker lasst und zieht. Bei Stäben aus Holz haften die Fasern dagegen meist daran und ihr müsst Rocken oder Kunkel gelegentlich ein Stück weiterdrehen.
Handhaltung mit Vorgarn

Vorgarn unter Mittelfinger sichern
Egal welche Aufbindetechnik ihr nutzt und wie ihr spinnt, wie immer gilt: Übung macht den Meister! Am Anfang fühlt sich ein zusätzliches Hilfsgerät an, als würde euch eine Hand fehlen. Doch mit etwas Geduld und Freude am Probieren werdet ihr bald nicht mehr auf Rocken oder Kunkel verzichten wollen. Testet verschiedene Varianten des Spinnens und Befestigens aus, denn am Ende liegt es nicht nur am Gerät und den Fasern, sondern vor allem an euren Bedürfnissen. Ich wünsche euch auf jeden Fall viel Spaß beim Entdecken und Ausprobieren!
Vorteile von Handrocken und Fingerkunkel
– Fasern werden nicht feucht
– kein Verkleben oder Verfilzen des Faservorrats mehr
– bessere Vorbereitung der Fasern
– gleichmäßigeres Spinnergebnis
– Arbeit kann schnell zur Seite gelegt werden
– aufrechte Haltung, da Faserhand nicht verdreht werden muss
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